67. Blognacht von Anna Koschinski zu Impuls „Frisch gestrichen“
Ein Pfund Roggenmehl, ein halbes Pfund Weizenmehl und ein halbes Pfund Weizenvollkornmehl! Nur die besten Zutaten kommen bei mir zusammen, dazu noch Sauerteig, Salz und Wasser. Andere Brote können davon nur träumen. Und dann ist mein Laib auch noch durch die Hand meines Schöpfers geformt worden. Welches Brot kann das bitteschön in dieser von Maschinen dominierten Zeit noch von sich behaupten? Ein wunderbarer Laib, extra geformt, um die perfekten Scheiben davon zu schneiden: Nicht zu länglich, nicht zu breit und mit dem perfekten Verhältnis von Kruste und Krume. So bin ich auf dieses Buffet gekommen, zusammen mit den zwölf anderen Scheiben, die aus meinem Laib geschnitten wurden.
Warum liege ich hier eigentlich immer noch, so unwiderstehlich, wie ich es bin? Wissen die Leute denn nicht, dass ich hart werde und mich völlig grotesk verbiege, wenn ich hier zu lange liege? Aber wer kann schon von den Leuten erwarten, dass sie mitdenken? Die beten alle nur noch die Götzen Sahnekuchen und Zitronenrolle an und wissen gar nicht mehr, was gesund und nahrhaft ist. Es ist zum heulen! Die Welt verkommt immer mehr zum Zirkus des vordergründigen Lustgewinns. Der Schinken nebenan zum Beispiel hat doch allen Ernstes verkündet, dass er sich nicht mehr zum Brotbelag degradieren lasen will. Was heißt denn hier „degradieren“? Weiß der denn nicht, zu was für einem Leckerbissen er mit mir zusammen werden kann? Statt dessen hat der sich so einer Honigmelone an den Hals geworfen. Es ist unerträglich!
Eigentlich sollte ich der Nahrungsbranche den Rücken kehren. Mit meinen vielen Talenten könnte ich überall Erfolg haben! Ich würde an der Börse Millionen, ach was, Milliarden verdienen. Ich könnte die erste Brotscheibe sein, die ein Bondgirl spielt. Und was der Trump kann, kann ich schon lange. Ach, ich könnte so groß herauskommen! Aber letztlich habe ich einfach zu viel Pflichtgefühl, meine Aufgabe ist es, Menschen zu ernähren, da werde ich wohl auf die Erfolge verzichten müssen, die mir eigentlich zustehen. Irgendetwas Neues werde ich mir nur ausdenken müssen, jetzt, wo der Schinken abgehauen ist.
Ich glaube, ich werde es mal mit einem frischen Anstrich versuchen: Butter auf der Schnittfläche dünn verstreichen, etwas Pfeffer und Salz verteilen und Kräuter nach Wahl dazugeben. Jetzt noch ein bis zwei Minuten in einen heißen Backofen schlüpfen, bis die Butter leicht gebräunt ist. So kann ich fast noch als frisch geschnitten durchgehen. Wäre doch gelacht, wenn ich da niemanden für mich interessieren könnte.
„He, junger Mann, Sie sehen doch aus, wie James Bond! Haben sie noch etwas Appetit?“
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