Text zur 64. Blognacht von Anna Koschinski
Als ich letzte Woche den Müll zur Tonne bringen wollte, ist mir beim Zubinden des Müllbeutels der Deckel eines Gurkenglases entwischt und auf den Boden gefallen. Ich war genervt, denn ich hatte es eilig. Eigentlich wollte ich gerade zur Arbeit fahren und einfach nur schnell den Müll mit rausnehmen. Jetzt war der Elan, den ich gerade noch verspürt hatte, jäh gebremst. „Blöder Deckel!“, entfuhr es mir und ich bückte mich, um danach zu greifen.“Selber blöd!“, hörte ich eine Stimme. Sie kam aus der Richtung des Deckels.
„Du hast hier gar nichts zu melden“, schimpfte ich, „Du bist nur Müll, Du kommst jetzt in die Tonne!“ Ich griff mir den Deckel und achtete darauf, möglichst fest zuzupacken, damit er mir nicht noch einmal entwischen konnte. Zugegebenermaßen wollte ich ihn auch für sein unbotmäßiges Verhalten bestrafen. Er sollte spüren, wo sein Platz ist, nämlich in einem Müllbeutel auf dem Weg zur Müllverbrennungsanlage!
„Das ist unnötige Gewaltanwendung!“, protestierte der Deckel. „Ich bin nur ein kleiner Gurkenglasschraubverschluss und kann Deiner exzessiven Machtausübung nichts entgegensetzen. Du, du bist ein großer Mensch und hältst Dich wahrscheinlich für die Krone der Schöpfung, aber eigentlich bist Du nur ein Grobian!“ Ich hielt kurz inne. War ich das? Ein Grobian, der es nötig hatte, seinen Frust an Schwächeren auszulassen, nur weil…weil er es eben konnte? Unsinn! Wollte ich mir jetzt schon von einem Stück Blech, das seinen Nutzen erfüllt hatte und damit für mich wertlos geworden war, sagen lassen, wie ich meine Hausarbeit zu verrichten habe? Sonst noch was? Vielleicht hatte ja das Backpapier, das ich gestern verwendet hatte, um meine Pizza besser vom Backblech zu bekommen, auch noch ein paar Anmerkungen? Zu gefährlichen Arbeitsbedingungen vielleicht, immerhin wird es in so einem Ofen ja sehr heiß. Sicher nicht!
„Halt keine Volksreden Gurkenglasdeckel…“ – „Schraubverschluss! Ich bin ein Schraubverschluss und kein einfacher Deckel!“ – „Wie auch immer. Ich lasse mir von keinem Gurkenglasdeckel Vorschriften machen und wenn er tausend mal ein Schraubverschluss ist. Du kommst jetzt wieder in den Müllbeutel und dann in die Tonne. Schluss!“ Ich warf den Deckel, vielleicht eine Spur zu hart, in den Müllbeutel und fing an, ihn zuzubinden, als ich ein Schluchzen hörte.
„So geht es dann also mit mir zu Ende. Treu habe ich zusammen mit dem Glas Deine Gurken aufbewahrt. Jetzt, wo meine Aufgabe erfüllt ist, hätte noch etwas aus mir werden können. Ich hätte der Welt zeigen können, was sonst noch alles in mir steckt. Ich möchte ein Maler werden oder ein Dichter vielleicht. Aber selbst wenn ich nur bleibe, was ich bin, ein einfacher Gurkenglasschraubverschluss auf einem passenden Glas, könnte ich der Welt noch weiter helfen. Ist dir eigentlich noch nie in den Sinn gekommen, dass Deine Lebensweise ein Wahnsinn an Verschwendung ist? Du wirfst funktionierende Dinge, wie ein leeres Gurkenglas mit Schraubverschluss einfach weg, als wäre es Müll. Statt dessen könntest du mit mir in einen Zero-Waste-Laden gehen und mich wieder mit Gurken befüllen, wenn Du mir schon keine Fähigkeit zur persönlichen Entwicklung zugestehen willst. Vielleicht hätte ich zwischendurch sogar Zeit, etwas für mich zu tun, ich könnte ein Musikinstrument lernen. Statt dessen…Willst Du denn wirklich so undankbar sein für meine treuen Dienste?“
Ich hatte jetzt einen fetten Kloß im Hals. Dieser Deckel hatte es doch tatsächlich geschafft, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich bin dann erstmal zur Arbeit, ohne den Müll herauszubringen. Das Gurkenglas und seinen Deckel habe ich immer immer noch. Ich muss nachdenken.
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