Beitrag zur 73. Blognacht von Anna Koschinski mit dem Impuls „Leise sein ist was für Anfänger“
Ich habe zu Hause ein Soundsystem. Das sind diese Lautsprecher, die über W-Lan an alle Geräte angeschlossen werden können, die man hören möchte. So bekommt dann der Fernseher endlich einen ordentlichen Klang und anstatt immer mehr CDs anzuhäufen kann ich die Musik online über mein Smartphone in die Wohnung holen. So ein Soundsystem ist eine supersinnvolle Angelegenheit und ich habe mir schon überlegt, ob ich mein einfaches mit nur einem Lautsprecher erweitern soll, um den perfekten Raumklang zu erreichen. Aber Vorsicht! Wenn die Dinge, wie bei mir, ein Eigenleben führen, dann ist es vielleicht manchen Situationen ungünstig, wenn der Klang des Soundsystems allzu mächtig ist.
Es fing, wie immer, alles ganz harmlos an. Eines Nachts wurde ich wach, weil ich im Wohnzimmer jemanden meinen Namen rufen hörte. Irritiert stand ich auf, nahm – für alle Fälle – einen hölzernen Kleiderbügel in die Hand und ging dem Klang der Stimme nach. Ich versuchte noch, besonders leise zu sein, um meine Frau nicht zu wecken. Es hätte mir schon da klar sein müssen, dass derartige Vorsichtsmaßnahmen sich als völlig nutzlos erweisen würden. Im Wohnzimmer angekommen, sah ich dann… Ich hatte mit einer vermummten Gestalt gerechnet, die gerade dabei wäre, unsere Schränke zu durchwühlen und hatte meinen Kleiderbügel fest in der Hand, bereit mich nach Kräften gegen einen Eindringling zu wehren. Aber im Wohnzimmer sah ich zu meiner großen Überraschung: Nichts. Außer mir war niemand dort.
„Zeigen Sie sich! Wer sind Sie, was wollen Sie?“ Ich versuchte, möglichst unerschrocken und entschossen zu klingen. Niemand zeigte sich. Dafür hörte ich wieder die Stimme: „Wie bist Du denn drauf? Mach Dich mal locker, ich bin es doch nur, dein Soundsystem.“ – „Äh, was?“ Ich bin ja mittlerweile einiges gewohnt. Diese Situation erschien mir dann aber doch surreal. War es vielleicht ein Traum? Hatte ich in den vergangenen Wochen doch zu viel gearbeitet? – „Na Dein Soundsystem! Ich habe Dir doch vor ein paar Stunden noch den Ton zu Deinem Spielfilm geliefert.“ So langsam erlangte ich meine Fassung wieder. Ich hatte wohl vergessen, den Strom auszuschalten, bevor ich ins Bett gegangen war. Ich versuchte es mit Strenge: „Weißt Du eigentlich, wie spät es ist? Du weckst ja alle auf.“ – „Ich weiß, aber mir ist langweilig. Lass uns Party machen!“ – „Ganz sicher nicht. Ich gehe jetzt gleich wieder ins Bett und Du wirst still sein!“ – „Spielverderber! Ich habe aber jetzt Lust auf Party! Ich weiß auch schon das Motto: Hard‘n‘Heavy! Everything louder than anything else!“
Ein donnernder Bass setzte ein und wurde von einem schnellen Schlagzeug und einer laut verzerrten Gitarre ergänzt. „If you like to gamble I’ll tell you, I‘m your man. You win some, lose some, it‘s all the same to me...“ Mein Soundsystem schien die Grenzen seiner Lautstärkekapazität auszutesten. Sehr wahrscheinlich war bereits die ganze Nachbarschaft wach. „Spinnst Du, mitten in der Nacht mit so einer Lautstärke zu spielen?“ Ich musste mein Soundsystem dringend zur Vernunft bringen, wenn ich hier noch weiter wohnen wollte. „Super, oder? Pass mal auf, das geht noch lauter: „You know I‘m born to loose, and gambeling‘s for fools. But that‘s the way I like it baby, I don‘t wanna live forever…“
„Jetzt sei doch bitte leise, die Nachbarn rücken uns bestimmt schon bald auf den Pelz!“ „Au ja, die können gleich mitfeiern!“ – „Ach und die Polizeistreife, die sie rufen, kann die dann auch mitfeiern?“ – „Ja klar, alle dürfen mitfeiern, die mitfeiern wollen. Ach übrigens, ich habe über Deinen Lieferaccount 50 Kästen Bier bestellt, das ist doch in Ordnung, oder?“ – „Was, 50 Kästen? Wer soll das denn alles trinken?“ – „ Mach Dir da mal keine Sorgen, ich habe von Deinem Mailaccount Einladungen an den örtlichen Motorradclub geschickt, die sind bestimmt auch gleich da. Vorausschauend wie ich bin, habe ich gleich nochmal 50 Stück bestellt.“ Wie auf ein Stichwort hörte ich draußen auf der Straße die ersten schweren Bikes heranknattern.
„Mach mal die Fenster auf, ich möchte gern alle begrüßen.“ – „Ganz sicher mache ich kein Fenster auf!“ – „Schade! Ist aber auch nicht schlimm, ich kann ja noch lauter werden. Hey!“ Mittlerweile klirrten die Tassen und Gläser in meinem Schrank. „Ich finde es toll, dass ihr alle heute Nacht hierher gekommen seid! Bier steht genügend bereit, bedient Euch!“ Von der Straße ertönte ein Ruf der Zustimmung aus erstaunlich vielen Kehlen.
Auf meinem Handy poppte derweil eine Eilmeldung auf, die ein Verkehrshindernis in der Gegend meldete, in der ich wohne. Offenbar waren die Straßen rund um meine Wohnung bereits hoffnungslos überlastet. Mit einem mulmigen Gefühl sah ich aus dem Fenster. Draußen waren jetzt nicht nur die Mitglieder des örtlichen Motorradclubs, sondern auch drei Hundertschaften von der Bereitschaftspolizei, die gleich noch einige Wasserwerfer mitgebracht hatten. Die Kämpfe zwischen den Uniformierten und den Kuttenträgern waren sehr ausgeglichen. Der vollen Schutzmontur und den Schlagstöcken standen die angezündeten Autos der Nachbarn und Barrikaden aus brennenden Mülltonnen entgegen. Mein Soundsystem reagierte begeistert: „He is the Painkiller! This is the Painkiller!“
Plötzlich war es im Wohnzimmer still. Meine Frau, aufgeweckt von all dem Chaos, hatte mal wieder pragmatisch reagiert, wo alle anderen hilflos waren. Sie hatte kurzerhand die Hauptsicherung unserer Wohnung unterbrochen. Doch diese Befreiungsaktion kam für uns leider zu spät. Eine Spezialeinheit der Polizei brach Sekunden später unsere Wohnungstür auf. Schwer bewaffnete Beamte stürmten unsere Wohnung und nahmen meine Frau und mich fest. Meine Proteste, dass wir mit all dem nichts zu tun hätten, verhallten ungehört.
Am Morgen wurden wir gegen Auflagen aus der Polizeihaft entlassen, obwohl es bei mir lange Spitz auf Knopf stand. Meine Erklärungen für die Ereignisse der vergangenen Nacht hatten die vernehmenden Beamten nicht vollständig überzeugen können. Auf dem Weg nach Hause sahen wir das Ergebnis der Kämpfe der Nacht. Im ganzen Viertel standen die rauchenden Reste davon, was einmal Autos gewesen waren. Überall lag Müll und zerbrochene Bierflaschen. Alle sprachen von einem Wunder, dass niemand ernsthaft verletzt worden war.
Bevor wir in unserer Wohnung den Strom wieder einschalteten, demontierten wir unser Soundsystem. Eine weitere Nacht, wie die vergangene wollten wir nicht riskieren. Obwohl keine Verbindung zum Stromnetz mehr bestand, hörte ich von meinem Soundsystem ein leises Seufzen: „Oh, ist die Party schon vorbei? Wie schade. Aber schön war es. Das machen wir bald mal wieder, nicht wahr?“

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