Interview mit einem Wort: Vorbild

Beitrag zur 70. Blognacht von Anna Koschinski mit dem Impuls „Vorbilder“

Frage: Herzlich Willkommen zu unserer Gesprächsreihe Interview mit einem Wort! Zu Gast bei uns ist heute Vorbild. Fast jeder kennt es, viele bewundern es und ebenso viele folgen ihm. Liebes Vorbild, ich heiße Sie zu unserem heutigen Gespräch herzlich willkommen.

Vorbild: Ich wünsche Ihnen auch einen guten Tag. Vielen Dank für die Einladung!

Frage: Liebes Vorbild, wie fühlen Sie sich gerade? Haben Sie die Hitzeperiode der vergangenen Wochen gut überstanden?

Vorbild: Vielen Dank für die Nachfrage. Ich fühle mich ganz hervorragend, vielleicht noch ein klein wenig erschöpft. Das kann aber auch daher rühren, dass ich während der heißen Tage die ganze Zeit unterwegs gewesen bin. Ich habe mich nämlich als mobile Kühleinheit engagiert. Überall in der Stadt, wo ich Menschen begegnet bin, die mit den hohen Temperaturen nicht so gut zu recht kamen, wie ich, habe ich Eisbeutel und kühle Getränke verteilt.

Frage: Oh, das klingt aber wirklich sehr anstrengend. Die Rekordhitze kann ja auch an Ihnen nicht spurlos vorbeigegangen sein. Wie haben Sie es denn geschafft, in dieser Situation körperlich leistungsfähig zu sein?

Vorbild: Ach das ist eigentlich garnicht der Rede wert. Ich halte mich einfach körperlich fit, laufe zwei mal in der Woche die Halbmarathondistanz und mache regelmäßige Saunagänge. Außerdem ernähre ich mich gesund, ich esse beispielsweise nur wenig Fleisch, verzichte auf Zucker, weißes Mehl und Alkohol.

Frage: Das klingt nach einem sehr asketischen Lebensstil. Würden Sie sich denn nicht manchmal wünschen, einfach nur das zu tun, worauf Sie gerade Lust haben?

Vorbild: Als Ihr Vorbild ist das für mich nicht vorgesehen. Offen gesagt habe ich Ihnen deswegen schon des Öfteren die Pest an den Hals gewünscht. Können Sie sich denn nicht einfach einmal locker machen?

Frage: Moment, verstehe ich das jetzt richtig, dass Sie mir vorwerfen, wie Sie Ihr Leben gestalten?

Vorbild: Was denn sonst? Haben Sie sich denn tatsächlich noch nie Gedanken darüber gemacht, wie ich werde, was ich bin?

Frage: Sind Sie nicht einfach da?

Vorbild: Sie denken wohl auch, die Milch käme aus der Tüte, was?

Frage: Na ja…

Vorbild: Also, um Ihnen da mal auf die Sprünge zu helfen. Was glauben Sie denn, wie viele Vorbilder es auf der Welt so gibt?

Frage: Äh, keine Ahnung. Hundert? Tausend? Also damit meine ich echte Vorbilder, die diese Bezeichnung auch verdienen.

Vorbild: Wie kommen Sie nur auf so einen Unsinn? Bereiten Sie sich denn überhaupt nicht vor auf Ihre Interviews?

Frage: Doch schon. Es versucht nur nicht jeder Interviewgast meine Rolle als Fragesteller zu übernehmen…

Vorbild: Das werden Sie überleben, es gibt schlimmeres, als von mir interviewt zu werden. Schließlich bin ich ja Ihr Vorbild. Auch wenn ich Ihnen schon sagen muss, dass Sie an meine Qualitäten als Interviewer nicht ansatzweise heranreichen. Aber zurück zu meiner Frage. Wie viele Vorbilder mag es wohl auf dieser Welt geben. Sie bieten mir tausend an. Ist das tatsächlich Ihre Antwort? Come on! Das können selbst Sie besser.

Frage: Ich sprach ja auch von echten Vorbildern.

Vorbild: Was soll das denn sein, ein echtes Vorbild? Gibt es Ihrer Ansicht nach auch unechte?

Frage: Ach, Sie wissen schon. Ich meine Persönlichkeiten, die es verdient haben, dass man zu ihnen aufschaut.

Vorbild: So, so. Persönlichkeiten, die es verdient haben. Wer soll das denn bitte entscheiden? Glauben Sie, dass es irgendwo eine Vorbildkommission gibt, vor der mögliche Vorbilder eine Prüfung ablegen müssen? Nach welchen Kriterien würde denn so eine Entscheidung getroffen? Und wem sollte wohl die Ehre zuteil werden, in eine Vorbildkommission berufen zu werden? Wer entscheidet das? Etwa die Vorbilder von Vorbildern?

Frage: Schon gut, schon gut! Möglicherweise ist meine Vorstellung etwas naiv.

Vorbild: Völlig absurd wäre die bessere Formulierung.

Frage: Aber das würde ja bedeuten, jeder kann ein Vorbild sein.

Vorbild: Sie geben ja doch noch Anlass zur Hoffnung.

Frage: Und umgekehrt hätten alle Menschen ihr eigenes Vorbild? Und wenn jemand völlig unmoralisch ist?

Vorbild: Kann auch diese Person genau darin ein Vorbild haben. Jeder Mensch erschafft sich seine Vorbilder selbst. Ob diese Vorbilder gute Vorbilder sind, spielt absolut keine Rolle. Glauben Sie mir, ich kenne Vorbilder, die sind die letzten Arschlöcher. Sadisten, Extremisten, Massenmörder, alles dabei.

Frage: Ich habe bei Ihnen in diesem Gespräch auch ein oder zwei weniger sympathische Eigenschaften entdeckt.

Vorbild: Kein Problem. Niemand ist perfekt, auch Vorbilder nicht. Deswegen sollten ja auch alle Menschen von Zeit zu Zeit ihre Vorbilder hinterfragen. Ob ein Vorbild dann auch Vorbild bleibt, müssen alle Menschen aber für sich selbst entscheiden, da hilft keine Kommission.

Frage: Liebes Vorbild, vielen Dank für dieses Interview!

Vorbild: Es war mir ein Vergnügen! Und jetzt habe ich ehrlich gesagt Lust auf einen dicken, fetten Burger mit Pommes und ein Bier dazu. Kommen Sie mit?

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