Text zur 65. Blognacht von Anna Koschinski
„Warum eigentlich nicht?“ lautete der Impuls bei der 65. Blognacht von Anna Koschinski. Ich habe mich schließlich auf das erste und das letzte Wort konzentriert: „Warum nicht?“ Ich mag diese beiden Worte, hintereinander ausgesprochen, sehr gerne. Die Kombination der beiden bieten eine Möglichkeit, unentschiedene Situationen im Leben positiv aufzulösen. Immer wenn eine Person nicht genau weiß, ob sie eine Möglichkeit, die sich bietet, nutzen soll oder eben nicht, spricht ihr das „Warum nicht?“ Mut zu. Wenn also unsere Person vor einer geschlossenen Tür steht und sich nicht sicher ist, ob sie diese öffnen soll, weil sie nicht weiß, ob sich dahinter ein leckerer Kirschstreuselkuchen oder ein hungriges Raubtier verbirgt, tendiert das „Warum nicht?“ immer dazu, das Backwerk zu vermuten. Und selbst wenn es dann doch der ungefütterte Löwe ist, der den Mutigen entgegengrollt, dann findet sich bestimmt von irgendwo her eine Wurst, mit der sich das Kätzchen besänftigen lässt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich „Warum nicht?“ gerne mag: Es verbreitet Zuversicht und verleitet dazu, Gefahren und Hindernisse nicht zu leugnen, sondern für beeinflussbar zu halten.
Mit 18 nochmal zurück auf „Start“
Ich habe das selbst erlebt, als ich mit achtzehn Jahren mein Leben ganz neu beginnen musste. Ein geplatzter Reifen des Autos, in dem ich mitfuhr, sorgte dafür, dass selbiges auf der Autobahn, auf der wir unterwegs waren, zuerst die Mittelleitplanke berührte und dann nach rechts in den Straßengraben rutschte, wo es auf dem Dach liegen blieb. Eben war ich noch zum Spiel meiner Fußballmannschaft unterwegs und plötzlich konnte ich meine Beine nicht mehr bewegen (schlecht nicht nur beim Fußball spielen). Eben war ich noch ein durchschnittlicher Schüler ein Jahr vor dem Abitur, plötzlich war meine Zukunft vollkommen unvorhersehbar. Eben machte ich mir noch Pläne, nach dem Abi ins Leben hinauszugehen, plötzlich war ich wieder wie ein Kleinkind auf die Hilfe anderer angewiesen.
Die Ärzte im Krankenhaus machten meinen Eltern keine Hoffnungen und prophezeiten mir ein Leben als schwerst Pflegebedürftigem. Mittendrin lag ich in zugegebenermaßen ausbaufähigem Gesamtzustand und hatte jede Menge Zeit, mir zu überlegen, wie es denn nun weitergehen sollte. Auf einmal bemerkte ich, wieviel es mir bedeutete, zur Schule zu gehen, was mir zuvor in all den Jahren sehr oft verborgen geblieben war. Und weil ich bei dem Unfall glücklicherweise keinerlei Verletzungen am Kopf davongetragen hatte, erschien es mir absolut logisch, zuerst mein Abitur zu vollenden und dann zu studieren.
Es wurde mein fester Plan, so schnell wie möglich den Ausbau meiner Bildung fortzusetzen und davon wollte ich mich durch meine Querschnittlähmung nicht abhalten lassen. Natürlich stellte ich mir selbst die Frage, ob das denn überhaupt so möglich sein würde, wie ich mir das vorstellte. Meine Antwort an mich selbst war „Warum nicht?“ Es gab für mich überhaupt keinen Grund, es nicht wenigstens zu versuchen, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Diese Erkenntnis setzte bei mir bereits sehr früh ein, immerhin war ich zu dem Zeitpunkt noch in der Erstversorgung im Krankenhaus. Es folgte eine Rehabehandlung in einer spezialisierten Klinik über mehrere Monate hinweg, in der ich lernte, mit der Querschnittlähmng meinen Alltag zu bewältigen. Die Ärzt*innen und Therapeut*innen dort waren ganz anders, als die im Akutkrankenhaus und unterstützten mich in meinem Plan. Das „Warum nicht?“ war für sie eine Selbstverständlichkeit.
Aktiv leben mit Querschnittlähmung statt warten auf wundersame Heilung
Schritt für Schritt arbeitete ich danach an meinem Plan. Es gab daneben auch immer wieder Pressemeldungen, nach denen ein Durchbruch in der Therapie der Querschnittlähmung kurz bevorstünde, immer wieder gab es spektakuläre Einzelfälle, in denen Menschen mit Querschnittlähmung lernten, wieder zu laufen, nachdem sie dieses oder jenes Training durchgezogen hatten. Manches davon probierte ich auch, in einzelnen Bereichen spürte ich Verbesserungen im Empfinden und der Beweglichkeit. So wie die allermeisten anderen Menschen mit Querschnittlähmung habe ich aber gelernt zu akzeptieren, dass es trotz aller Bemühungen der medizinischen Wissenschaft, eine Heilung der Querschnittlähmung bis heute nicht gibt.
Von meinem eigentlichen Plan habe ich mich durch diese Berichterstattung nie ablenken lassen. Ich habe ihn Schritt für Schritt immer konsequent weiter verfolgt und hatte auch Erfolg damit. Mit einjähriger Verzögerung konnte ich mein Abiturzeugnis in Händen halten, habe mein Interesse für die Juristerei entdeckt und habe es geschafft das Studium abzuschließen. Heute, 36 Jahre nach meinem Unfall, kann ich nicht nur auf 26 Jahre Berufsleben zurückblicken. Seit fast 24 Jahren habe ich auch das große Glück, mit Annette meine Seelenverwandte an meiner Seite zu haben. Es gab neben den Höhen immer auch mal Tiefen. Natürlich haben die Hindernisse nie lange auf sich warten lassen, oft kamen sie aus Richtungen, aus denen ich eigentlich keine Hindernisse erwartet hätte. Letztlich haben sich aber alle Hindernisse als behebbar erwiesen. Das „Warum nicht?“ war und ist in meinem Leben ein hilfreiches Motto.
Antworte auf den Kommentar von Thomas Antwort abbrechen