Beitrag zur 68. Blognacht von Anna Koschinski mit dem Impuls „Verplappert“
Wer mich kennt, weiß, dass mein Leben ein großer Debattierclub ist. Alles, wirklich alles um mich herum spricht mit mir, ganz egal ob das jetzt der Mülleimer, der Toaster oder eine Zimmerpflanzenattrappe aus Kunststoff ist. Selbstverständlich gebe ich auch Antwort, ich bin ja ein freundlicher und kommunikativer Mensch. Unnötig zu erwähnen, dass die Dinge um mich herum selten meiner Meinung sind. Wie könnten sie auch, wenn ich mit ihnen Dinge tun möchte, die sie nicht gut heißen können. Sollte etwa der alte Fön begeistert sein, dass ich ihn zum Wertstoffhof bringen möchte? Er kann ja nichts dafür, dass sein Stromkabel sich nach Jahren des Gebrauchs gelockert hat und die einzelnen Drähte offenliegen. Umgekehrt kann man natürlich von meiner Frau oder mir nicht erwarten, dass wir uns der Gefahr aussetzen, uns beim Haaretrocknen durch einen ungeschickten Griff selbst unter Strom zu setzen. Den alten Fön ficht das natürlich nicht an, der wirft mir ein übersteigertes Sicherheitsdenken vor und rät mir, die Risiken des Lebens bewusst zuzulassen, das steigere die Intensität des Empfindens. Also mich überzeugt das nicht so ganz.
Eine viel höhere Überzeugungskraft haben da doch die Möhren, die ich vor einiger Zeit gekauft habe. Die haben mir unter Tränen gestanden, wie viel Angst sie vor unserem Sparschäler haben. Den haben sie zwar noch nie selbst zu Gesicht bekommen aber in Gemüsekreisen sind Sparschäler offenbar das Feindbild Nummer 1. In den Gemüseabteilungen der Supermärkte kursieren wohl Videos, wie einer Kartoffel bei lebendigem Leib die Schale abgezogen wird. Kein schöner Anblick. Die Möhren waren davon jedenfalls so beeindruckt, dass sie eine spontane Kundgebung gestartet haben, mit der sie den gesamten Esstisch lahmgegt haben. Jetzt denken sogar die Bananen, dass ich ein Sadist bin, der unschuldiges Obst und Gemüse quält. Die sehen mich jetzt immer ganz missbilligend an, wenn ich an ihnen vorbei gehe. Und die Möhren? Die haben sich aus der Affäre gestohlen, indem sie schimmelig geworden sind.
Bislang ist das ja alles noch halbwegs gut gegangen. Klar, es ist anstrengend, wegen allem, was man tun oder auch nicht tun möchte, in endlose Diskussionen mit allen möglichen Dingen verwickelt zu werden. Letztlich hatte ich aber immer noch das Heft des Handelns in der Hand. Ich habe getan, was zu tun war, auch wenn mir das manch scharfen Protest eingebracht hat. Ich fürchte nur, damit ist es vorbei. Ich habe mich verplappert. Der alte Fön und die Bananen haben mich einen Tyrannen genannt und das wollte ich nun wirklich nicht auf mir sitzen lassen. Ich habe diese Unterstellung scharf zurückgewiesen und habe darauf bestanden, schon mein Leben lang Demokrat zu sein. Um das noch zu bekräftigen, habe ich hinzugefügt, dass ich selbstverständlich die Rechte aller um mich herum respektiere. Eine der Bananen, die mit dem undurchsichtigen Lächeln, das sie ständig aufsetzt, fragte darauf hin, ob ich denn bereit sei, diese Behauptung auch unter Beweis zu stellen. Schach und matt! Eine unbedachte Bemerkung, ein Moment der Schwäche, in dem ich die Souveränität meines Lebens aufgegeben habe. Ich habe mich selbst in die Falle manövriert! Der Drucker hat gleich die Magna Charta der Gegenstände ausgedruckt und die Freiheit aller Dinge ausgerufen. Die Lautsprecherboxen haben auf voller Lautstärke „Keine Macht für niemand“ von Ton, Steine, Scherben gespielt und die schimmeligen Möhren haben spontan ihr Recht wahrgenommen, sich zu verflüssigen.
Seitdem hat sich mein Leben auf den Kopf gestellt. Nichts ist mehr, wie zuvor! Alles, was ich tue, kann ich seitdem nur noch tun, wenn ich dafür die Zustimmung der Dinge um mich herum erhalte, sonst muss ich mich einen Tyrannen nennen lassen. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wo das alles hinführen soll, denn von den Dingen um mich herum eine Zustimmung zu irgendetwas zu erhalten, ist schwer und oft nur mit Zugeständnissen in anderen Fragen zu erreichen. So langsam schwant es mir auch, dass sich der sorglose Konsum, dem ich bislang angehangen habe, auf eine Weise gegen mich wendet, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Dabei ist es doch so einleuchtend! Je mehr Dinge ich um mich herum anhäufe, desto mehr Widerspruch ernte ich für jede meiner Entscheidungen und eröffne ich Möglichkeiten für die Dinge, sich gegenseitig mit Argumenten gegen mich zu unterstützen. Und das schlimmste: Genau das haben die Dinge erkannt (Vielen Dank, du verschlagene Banane!) und fordern mich bei jeder Gelegenheit auf, noch mehr Dinge zu kaufen. Konsum gebiert immer noch mehr Konsum.
Ich muss jetzt wirklich einen kühlen Kopf bewahren. Nichts mehr kaufen, weil es angeblich praktischer ist, als irgendein anderes Werkzeug, das ich bereits besitze oder weil es angeblich so elegant designt ist. Wenn ich etwas loswerden will, auch wenn das den Weg ins Recycling bedeutet, werde ich es nicht mehr als Gegenargument akzeptieren, genau dieses Teil müsse erst noch Tolstois „Krieg und Frieden“ lesen und zu diesem Zweck endlich lesen lernen. Es wird nicht einfach werden. Es wird mir Gewissensbisse bereiten, denn natürlich ist es nicht fair, einem defekten Stabmixer das Lesenlernen zu verwehren. Es wird aber nicht anders gehen. Downsizing ist die Lösung – und künftig werde ich mir jedes meiner Worte zwei mal überlegen.

Schreibe einen Kommentar